Einleitung

Zwei Monate mit der Fender Vintera II 50s Nocaster im Finish Blackguard Blonde, und unser Urteil passt in einen Satz: Es ist die überzeugendste Telecaster alter Schule, die Fender anbietet, ohne zu den amerikanischen Reihen greifen zu müssen. Durchsetzungsfähiger Twang, ein dicker „U“-Hals, der die Handfläche füllt, ein Steg mit drei Messingreitern: Alles, was den Mythos der „Blackguards“ von 1951 ausmacht, ist da — samt der bewusst übernommenen Kompromisse der Zeit, allen voran der Vintage-Radius.

Ein Wort zur Geschichte, denn der Name macht neugierig. 1950 bringt Fender seine erste Serien-Solidbody unter dem Namen Broadcaster auf den Markt. Gretsch, das „Broadkaster“-Schlagzeuge verkaufte, protestiert. Anfang 1951 schneidet Fender den Namen aus seinen Abziehbildern und versendet Gitarren, die nur das Fender-Logo tragen, ohne Modellnamen. Sammler nennen sie später „Nocaster“, bevor sich noch im selben Jahr „Telecaster“ durchsetzt. Genau diese Übergangsgitarre lässt die Vintera-II-Serie wieder aufleben, mit mexikanischer Fertigung in Ensenada und moderatem Preis.

Wir haben sie zwei Monate in Blues, klassischem Rock und Country gespielt, vor allem an Röhrenverstärkern. Hier ist, was du vor dem Kauf wissen solltest.

Design und Verarbeitung

Eine Blackguard nach allen Regeln

Optisch ist die Kopie treu: transluzentes Blackguard-Blonde-Finish, das das Holz durchscheinen lässt, das emblematische schwarze Schlagbrett, vernickelte Hardware, eine Kopfplatte ohne Modellnamen. Das Ganze atmet die Epoche, und das Hochglanz-Finish unseres Exemplars ist sauber aufgetragen, ohne Nasen oder matte Stellen.

Puristen werden eine Abweichung bemerken: Der Korpus besteht aus Erle, während die historischen Blackguards aus Esche waren. Fender steht bei der Vintera-II-Serie zu dieser Entscheidung, und ehrlich gesagt hören blind nur wenige Gitarristen den Unterschied, sobald die Gitarre eingesteckt ist. Der Vintage-Steg mit drei zylindrischen Messingreitern ist dagegen vollständig originalgetreu und trägt enorm zum Charakter des Instruments bei: Er erzeugt jenes metallische Schnalzen und jenes singende Sustain. Die Kehrseite der Epoche: Die Oktavreinheit paarweise pro Saitenpaar bleibt ein Kompromiss — ordentlich einstellbar, aber nie Ton für Ton perfekt.

Der Hals, das Herzstück

Der Ahornhals mit dem dicken „U“-Profil der frühen 1950er ist die eigentliche Signatur dieser Gitarre. Ja, es ist ein dicker Hals, von jener Sorte, die man „Baseballschläger“ nennt. Und doch: Nach zwei, drei Eingewöhnungssessions wollten wir ihn nicht mehr hergeben. Die Stärke füllt die Handfläche, die Hand verkrampft weniger, und die Gitarre schwingt anders, mit mehr Körper in jedem Ton. Die 21 Vintage-Tall-Bünde sind an unserem Exemplar sauber abgerichtet, ohne scharfe Kanten. Der 42-mm-Sattel aus Kunstknochen überzeugt weniger: Die Kerben sind wenig sorgfältig gefeilt — Probleme mit der Stimmstabilität haben wir deshalb aber nicht festgestellt.

Der Radius von 7,25 Zoll ist das andere Epochenmerkmal, und dieses polarisiert deutlich. Akkorde, auch Barrégriffe, fallen mit bemerkenswertem Komfort unter die Finger. Bei niedrig eingestellter Saitenlage rasten große Bendings jenseits eines Ganztons in den hohen Lagen jedoch aus. Man muss eine etwas höhere Saitenlage akzeptieren als bei einer modernen Gitarre — oder seine Ambitionen bei Schau-Bendings zurückschrauben. Das ist eine Charakterentscheidung, kein Fertigungsfehler, aber man sollte es wissen.

Die geschlitzten Vintage-Mechaniken halten die Stimmung ordentlich, sobald die Saiten sauber aufgezogen sind. Pluspunkt: Ein gepolstertes Fender-Gigbag liegt bei, anders als bei einer ohne Tasche verkauften Player II Stratocaster.

Klang

Der Twang, der echte

Die beiden Singlecoils Vintage-Style ’50s sind der größte Erfolg dieser Neuauflage. Der Steg-Tonabnehmer liefert einen durchsetzungsfähigen Twang, im besten Sinne fast aggressiv: Der Anschlag schnalzt, die Mitten sind voll, und in den Höhen liegt jene Stahlspitze, die eine Telecaster nach nichts anderem klingen lässt. Im Country tritt Chicken Picking mit chirurgischer Präzision hervor. Im klassischen Rock genügt es, den Verstärker aufzudrehen, um in frühem Led-Zeppelin-Terrain zu landen.

Der Hals-Tonabnehmer ist die andere angenehme Überraschung. Rund, holzig, mit leicht zurückgenommenem Tone fast jazzig, erinnert er zeitweise an den Tonabnehmer einer Halbresonanzgitarre. Es ist der perfekte Klang für langsame Bluesphrasen und gedämpfte Arpeggien. Die Zwischenposition, die beide Tonabnehmer kombiniert, bietet eine ausgehöhlte Balance, die im Rhythmusspiel sehr musikalisch ist. Ein Wort zum Ausgangspegel: Getreu der Wickeltechnik der Zeit sind diese Tonabnehmer leiser als moderne Singlecoils. Das ist weder Mangel noch Qualität, fällt aber beim ersten Einstecken auf: Der Verstärker will eine Stufe mehr Gain — und die Spieldynamik gewinnt eine Bandbreite, die überwickelte Tonabnehmer nicht kennen.

Die Grenzen der Singlecoils der Epoche

Diese Tonabnehmer haben die Schwächen ihrer Stärken: getreu den 1950ern brummen sie. Clean und im leichten Crunch bleibt das Brummen dezent. Sobald die Verzerrung steigt oder man Bildschirmen und Schaltnetzteilen nahe kommt, wird es deutlich hörbar. Wer moderne starke Verzerrung sucht, schaut anderswo — etwa zu den Humbuckern einer Les Paul, die in einer ganz anderen Dickenliga spielt.

Unter realen Bedingungen

Wir haben diese zwei Monate zwischen zwei Röhrenverstärkern des Hauses aufgeteilt. Am Fender Blues Junior IV ist die Nocaster in ihrem natürlichen Element: Der leicht komprimierte Cleansound des Combos hebt das Schnalzen des Steg-Tonabnehmers hervor, und der Federhall vervollständigt das amerikanische Bild. Beim Blues-Shuffle, Hals-Tonabnehmer und Tone auf halbem Weg, ist der Klang schlicht selbstverständlich.

Am kleinen, ausgereizten Fender Pro Junior IV zeigt die Gitarre ihre Reaktionsfreude: Der Volumenregler der Nocaster steuert den Crunch des Verstärkers mit bemerkenswerter Feinfühligkeit, vom perlenden Clean bis zum Garagenrock in einer Vierteldrehung. Genau dieses Verhalten erwartet man von einer vintage inspirierten Telecaster, und der Messingsteg fügt ein Sustain hinzu, das wir an modernen Telecasters mit Einzelreitern nicht gefunden haben.

Über eine zweistündige Probe hält die Stimmung gut, die Balance am Gurt ist ordentlich, und das Gewicht unseres Exemplars bleibt vernünftig. Zwei Vorbehalte im Gebrauch: Der Vintage-Radius verlangt eine mittlere Saitenlage, die an flache Hälse Gewöhnte irritieren wird, und der Wechsel von einer modernen Gitarre erfordert eine echte Eingewöhnung an das „U“-Profil.

Preis-Leistung

Die Vintera II 50s Nocaster sitzt an der Spitze des mexikanischen Katalogs, oberhalb der Player-II-Reihe. Die Frage ist einfach: Wofür zahlst du mehr? Die Antwort: für ein vollständiges Vintage-Pflichtenheft (Halsprofil, Radius, Bünde, Steg, Tonabnehmer), das keine günstigere Fender bietet — und für eine mitgelieferte Tasche.

Modell Tonabnehmer Fertigung ≈ Preis Für wen
Fender Vintera II 50s Nocaster 2 Singlecoils Vintage-Style ’50s Mexiko ≈ 1.077 € Twang-Liebhaber mit Sinn für authentische 1951er-Specs
Fender Player II Stratocaster 3 Singlecoils Alnico 5 Mexiko ≈ 799 € Fortgeschrittene, die eine moderne, vielseitige Fender wollen
Squier Affinity Telecaster 2 Keramik-Singlecoils China/Indonesien ≈ 257 € Anfänger, die den Twang ohne großen Einsatz kosten wollen

Gegenüber einer amerikanischen American Vintage II bietet die mexikanische Nocaster das Wesentliche der Erfahrung für etwa das halbe Budget: Der Unterschied liegt in Details der Originaltreue und im Wiederverkaufswert, nicht im Spielvergnügen. Gegenüber der Player II ist die Wahl eine Frage des Projekts: Die Nocaster ist markanter, fordernder — und auch liebenswerter. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist für ein derart spezifisches Instrument solide, sofern man das Vintage-Programm vorbehaltlos mitträgt.

Fazit

Für wen?

Ideal für:

  • Telecaster-Liebhaber, die das Blackguard-Erlebnis ohne Custom-Shop-Budget wollen
  • Country, Blues, klassischen Rock, Rockabilly
  • Alle, die dicke Hälse und altes Spiel mögen, Volume und Tone in der Hand
  • Gitarristen mit einem Röhrenverstärker, der auf das Spiel reagiert

Weniger geeignet für:

  • Freunde dünner Hälse und schnellen Spiels mit großen Bendings
  • Metal und starke Verzerrung, belastet durch das Brummen der Singlecoils
  • Wer eine Alleskönnerin sucht: zwei Tonabnehmer, ein Charakter

Unser Urteil

Die Fender Vintera II 50s Nocaster ist im vollen Sinne eine Gitarre mit Charakter. Sie will nicht allen gefallen: Sie bildet ein Instrument von 1951 mit dessen Entscheidungen nach — dem dicken Hals, dem gewölbten Radius, den brummenden und twangenden Tonabnehmern. Zwei Monate lang hat sie uns ihre Spielweise aufgezwungen, und genau das hat uns eingenommen: Man spielt auf einer Nocaster nicht wie auf einer modernen Gitarre, man spielt mit ihr.

Wenn du schwankst, stell dir eine einzige Frage: Ist der Twang dein Sound? Wenn ja, ist diese Vintera II wahrscheinlich die beste aktuelle Eintrittskarte zum Blackguard-Mythos, weit vor modernisierten Kompromissen. Suchst du Vielseitigkeit, leistet dir eine aktuelle mexikanische Stratocaster bessere Dienste. Wir behalten die Blonde.

Preise als Richtwerte.


Getestet über 2 Monate an Fender Blues Junior IV und Pro Junior IV, in Blues, klassischem Rock und Country, im Proberaum und zu Hause.